NS-Elite in Braunsfeld

Dieser Blog soll vor allem der Erinnerung an die Opfer des NS in Braunsfeld dienen. In folgenden Beitrag liegt der Fokus jedoch auf der Täterseite. Denn auch das Benennen der Verantwortlichen für den Holocaust ist uns ein Anliegen. Die Profiteure des NS, zu denen gerade in Braunsfeld ein überwiegender Teil der Bevölkerung gehörte, führten in der Regel ein „normales“ Leben. Auch nach 1945 gingen sie ihren Berufen und Karrieren nach, partizipierten im Vereinsleben, lebten weiter in ihren Häusern. Vergessen und verdrängt wird im Zuge von Familien-, Unternehmens und Stadtteilgeschichten oftmals der Profit an den Enteignungen, der Verfolgung und Ermordung der jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn.
Auf die im Folgenden erwähnten Personen, die alle im Zusammenhang mit dem nationalsozialistischen Regime standen, sind wir bei unseren Recherchen gestoßen. Ein vollständiges Bild, dass die Verbindungen zwischen diesen Amtsträgern, Wirtschafts- und Funktionseliten näher beleuchtet lässt sich an dieser Stelle nicht zeichnen. Die Häufigkeit, mit der die NS-Funktionsträger in unmittelbarer Nähe zueinander in Braunsfeld lebten, lässt jedoch einen Eindruck davon entstehen, wie „braun“ das alltägliche Leben in diesen Straßen war.

Wer sich auf die Spuren des Nationalsozialismus begibt wird in Braunsfeld relativ schnell fündig. In dem ruhigen, eher wohlhabenden Stadtteil im Kölner Westen lässt sich nicht nur die lokale Geschichte rekonstruieren, Braunsfeld war auch ein Ort an dem in den 1930er Jahren Ereignisse von überregionaler Bedeutung stattgefunden haben. Dieser Umstand hängt vor allem damit zusammen, dass hier, in den großzügigen Häusern am Stadtwald, eine Elite aus Politik und Wirtschaft Tür an Tür lebte.

So gingen unsere anfänglichen Recherchen auf den Hinweis zurück, dass in dem Haus in der Friedrich-Schmidt-Straße 54a einst mit Max Brüggemann ein im Nürnberger Prozess gegen die I.G. Farben angeklagter Wirtschafts-Funktionär lebte. Später fanden wir heraus, dass er ab 1941/42 sogar Eigentümer des Hauses war, wobei er höchstwahrscheinlich durch „Arisierung“ in seinen Besitz kam. Max Brüggemann war Vorstandsmitglied und Chef-Justitiar der IG Farben. Der Chemie- und Pharma-Konzern profitierte während des faschistischen Regimes massiv an Enteignungen und der Versklavung von Zwangsarbeiter*innen.

Die Familie Brüggemann befand sich spätestens ab 1938, als der Großteil der Jüdinnen und Juden geflohen war, in einer Nachbarschaft, in der eine Vielzahl lokaler und regionaler NS-Größen lebte. Viele von ihnen profitierten immens von der Zusammenarbeit mit dem Regime der NSDAP oder waren gar integraler Bestandteil des NS-Systems und seiner Institutionen.

Am 04. Januar 1933 fand in der Villa des Bankiers Kurt Freiherr von Schröder am Stadtwaldgürtel 35 das Geheimtreffen zwischen Franz von Papen und Adolf Hitler statt. Der Kölner Bankier hatte zusammen mit anderen national-konservativen Industriellen dieses Treffen organisiert, bei dem die Machtübernahme durch eine Koalition zwischen Hitler, Papen und Hugenberg vorbereitet wurde. Schröder hatte in der Folge eine Vielzahl von Posten in NS-Wirtschaftsorganisationen, er war unter anderem Präsident der Gauwirtschaftskammer Köln-Aachen, SS-Brigadeführer und ein enger Berater Adolf Hitlers.

Am Hültzplatz (von 1937 bis 1945 „Julius-Schreck-Platz“, benannt nach dem Mitbegründer und erstem Führer der SS) befand sich das Machtzentrum der NSDAP in Braunsfeld und Köln. Hier hatte die 58. SS-Standarte ihre Geschäftsstelle. Sie war hier wohl auch zum Schutz von Josef Grohé stationiert, der in der äußerst repräsentativen Villa in der Fürst-Pückler-Straße 58 residierte.
Josef Grohé war der eigentliche Machthaber im Gau Köln-Aachen. Als Gauleiter und Chef der Kölner NSDAP war der äußerst engagierte Nationalsozialist mitverantwortlich für die Verfolgung politischer Gegner. Er organisierte die Unterdrückung der Kirchen und trieb die Entrechtung der Juden und Jüdinnen voran, gegen die er in seinen Reden immer wieder hetzte.

Mit Grohé zusammen arbeitete der Gauamtsleiter des Presseamtes Martin Schwaebe. Er wohnte in der Fürst-Pückler-Straße 72 und war zudem, wie zuvor auch Grohé, Chefredakteur der antisemitischen NSDAP-Zeitung „Westdeutscher Beobachter“.

Ein Haus in der Friedrich-Schmidt-Straße 60 diente den von der NSDAP eingesetzten Kölner Oberbürgermeistern als Wohn- und Dienstsitz. Die Villa hatte bis 1937 Leo Katzenstein gehört, einem jüdischen Textilhändler. Er wurde jedoch durch Bedrohung, wirtschaftlichen Druck und Verfahrentricks zum Verkauf an die Stadt gezwungen.
1937-1940 lebte hier der OB Karl Georg Schmidt. Er war zunächst Hauptgeschäftsführer der IHK und hatte weitere Parteiämter inne: er fungierte als Gauamtsleiter der NS-Handels- und Gewerbeorganisation, als Gau-Wirtschaftsberater, sowie Gauwalter der DAF. Durch die Ämterhäufung war er die maßgebliche Triebkraft der sogenannten „Arisierung“ in Köln, d.h. der wirtschaftlichen Ausplünderung der Juden.
1941-1944 hatte der OB Peter Winkelnkemper seinen Amtssitz in dem Haus am Stadtwald. Er war zuvor Gau­pres­se­amts­lei­ter und Chef­re­dak­teur des „West­deut­schen Be­ob­ach­ter­s“ und zählte somit ebenfalls zu den führenden lokalen NS-Propagandisten. Sein Bruder, Toni Winkelnkemper, war zudem Propagandawart des Gaus, sowie Intendant des Reichssenders Köln.

In der Nachbarschaft wohnten weitere Amtsträger des Regimes. In der Friedrich-Schmidt-Straße 54 wohnte der Gauamtsleiter Erich Evertz. Er war, genauso wie der in der Raschdorffstraße 16 wohnende Carl Coerper (1886-1960, Amts­zeit 1926-1945) Beigeordneter der Stadt Köln. Dr. Koerper war Bei­ge­ord­ne­te für Ge­sund­heits­we­sen, in dieser Funktion war er unter anderem für die Durchsetzung von Zwangssterilisationen verantwortlich und setzte in diesem Zusammenhang die Versetzung und frühzeitige Pensionierung des widerständigen Arztes Franz Vonessen durch, der ebenfalls in Braunsfeld wohnte. Coerper wur­de 1946 Be­ra­ter beim Evan­ge­li­schen Hilfs­werk in NRW.
NSDAP-Ortsgruppenleiter in Braunsfeld war ab 1943 Heinrich Soentgen.

In den Straßen nahe des Stadtwalds lebten diese Männer, die über die NSDAP Karriere machten in unmittelbarer Nachbarschaft. Die Liste der Namen ließe sich bei weiteren Recherchen vermutlich noch weiter ergänzen. Das Unrecht, dass auch und insbesondere von diesen Leuten ausging wird besonders augenscheinlich, wenn in Betracht gezogen wird, dass viele von ihnen in Häusern oder Wohnungen wohnten, in denen kurz zuvor noch Juden und Jüdinnen gewohnt hatten.