In Braunsfeld lebten zur Zeit des Nationalsozialismus viele Personen, die Ziel von Verfolgung und Ausgrenzung wurden. Während an manche dieser Menschen auch heute noch erinnert wird, sind andere quasi vergessen oder waren dies für lange Zeit. Dieser Beitrag widmet sich einem Paar, das in Braunsfeld lebte, dessen Schicksal durch erhaltene Berichte und Tagebücher relativ gut überliefert ist und an die heute, zumindest teilweise, wieder erinnert wird. Beide hatten in der Stadt lange herausragende Positionen inne und wurden ab 1933 schließlich Opfer der Verfolgung und Ausgrenzung, die mit der menschenverachtenden Rassenideologie der Nazis einherging.
Frieda Fischer, geborene Bartdorff (* 24. März 1874 in Berlin) hatte mit ihrem ersten Mann Adolf Fischer auf mehrjährigen Reisen durch unter anderem China, Myanmar und Japan eine Sammlung Ostasiatischer Kunst zusammengetragen und nach Köln gebracht. Diese Kunstanwerbungen in der Zeit, in der das Deutsche Reich als eine der größten europäischen Kolonialmächte auftrat, geschah ab 1903 auch im Auftrag des Kaisers. Das Paar hatte den Plan ein erstes Museum für ostasiatische Kunst in Deutschland zu eröffnen und dort ihre Sammlung zu präsentieren. Dieses Ziel erreichten sie, indem sie die private Sammlung 1909 der Stadt Köln stifteten. Im Gegenzug finanzierte die Stadt den Bau eines Museum für Ostasiatische Kunst am Hansa-Ring, dessen erster Direktor Adolf Fischer werden sollte und – gemäß des Stiftungsvertrages – im Falle seines Todes Frieda Fischer diese Position übernehmen sollte. Auch eine lebenslange Rente war in dem Vertrag inbegriffen. Das Museum wurde schließlich 1913 eröffnet, die Innenausstattung des Neubaus hatte der jüdische Avantgarde-Architekt Josef Frank geplant. Heute erinnert die Adolf-Fischer-Straße an den damaligen Standort des Museums an der Ecke Bremer Straße und Gereonswall.
Bereits 1914 starb Adolf Fischer überraschend an einem Schlaganfall und Frieda Fischer übernahm vereinbarungsgemäß die Leitung, als zweite Museumsdirektorin in Deutschland überhaupt. Sie leitete das Museum über 20 Jahre lang. In zweiter Ehe heiratete sie 1921 den Juden Alfred Ludwig Wieruszowski (*6. Dezember 1857 in Görlitz). Er war Senatspräsident am Oberlandesgericht und als angesehener Jurist auch Professor an der Universität zu Köln. Zusammen lebten sie in einem Haus in der Voigtelstraße 26 in Köln-Braunsfeld.
Als 1933 auch in Köln die NSDAP die Regierung übernahm verließ der 75-Jährige Wieruszowski nach zunehmenden Übergriffen gegen Juden und Jüdinnen und einem immer feindseliger werdenden Klima die Universität. Im gleichen Jahr forderte die Stadtverwaltung alle Amtsleiter*innen dazu auf, Listen mit Namen ihrer jüdischen Mitarbeiter*innen zu erstellen. Frieda Fischer-Wieruszowski als Museumsleiterin erstellte solch eine Liste und gab, da sie mit einem Juden verheiratet war, darauf auch ihren eigenen Namen an. Entgegen des ursprünglichen Stiftungsvertrages verlor sie in der Folge 1937 ihre Stelle als Direktorin und durfte das Museum nicht mehr betreten. Finanzielle oder ideelle Ansprüche auf die Sammlung wurden ihr genauso verwehrt wie eine ihr zustehende Rente. Frieda Fischer-Wieruszowski wurde von Seiten der NSDAP nahegelegt ihren Mann zu verlassen um so zurück an ihre Posten zu kommen. Sie entschied sich jedoch dagegen und das Paar wurde fortan vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen.
Der drohenden Deportation entgingen die Beiden zunächst wohl durch die weitere Publikationstätigkeit Frieda Fischer-Wieruszowskis. Sie veröffentlichte 1938 und 1942 noch ihre früheren Reisetagebücher. So rief sie ihr Vermächtnis wieder in die öffentliche Erinnerung. In ihren Tagebüchern, die bis heute erhalten sind, beschrieb sie 1941, wie befreundete Paare aus der Voigtelstraße, die im Sinne der Nazis ebenfalls in „Mischehen“ lebten, die Stadt über Nacht in Richtung Schweiz verließen.
Das Paar Fischer-Wieruszowski wurde bald dazu gezwungen, in ihrem Haus mehrere jüdische Familien aufzunehmen. Das Haus galt nun als „Ghetto-Haus“, in das Juden und Jüdinnen, ab 1943 auch Personen, die in „Mischehen“ lebten, zwangseingewiesen wurden, da bestimmte Teile der Stadt für sie nicht mehr betretbar waren und sie in der Folge ihre Wohnungen und Häuser nicht mehr betreten durften.
Am 20. Oktober 1944 wurden Frieda und Alfred von der Gestapo gezwungen ihr Haus zu verlassen. Die Gestapo führte eine gezielte Aktion gegen Personen durch, die ihrer Ansicht nach in „Mischehen“ lebten. Die jüdische Person der Ehe sollte sich im Deportationslager in Müngersdorf einfinden. Von dort wäre sie weiter in Konzentrationslager gebracht worden. Wohl auch durch die Hilfe eines Pfarrers konnte das Paar diesem Schicksal entgehen und floh zunächst nach Dresden. Frieda war zu diesem Zeitpunkt gehbehindert, Alfred bereits in einem hohen Alter und ebenfalls gebrechlich. Nach kurzem Aufenthalt wurden sie auch aus Dresden ausgewiesen und zogen weiter nach Berlin, wo Friedas Bruder wohnte. In Berlin kam Alfred in ein jüdisches Krankenhaus und starb dort im Februar 1945. Seine Frau durfte ihn nicht mehr besuchen. Frieda Fischer-Wieruszowski, die das Kriegsende in Berlin noch erlebte, vermisste Köln, das Museum, ihre Freunde und hatte den Wunsch nach Köln zurückzukehren. Dort hat sie jedoch keinen Besitz, keine Wohnung mehr.
Die Stadt ging auf Forderungen einer Freundin Friedas, ihr eine Pension und eine kleine Wohnung zu stellen, nicht ein. Im Dezember 1945 starb Frieda Fischer-Wieruszowski bei ihrem Bruder in Berlin in armseligen Verhältnissen an Entkräftung. Sie wurde zunächst in Berlin begraben. 1952 wurden ihre sterblichen Überreste von einem jüdischen Friedhof in Berlin nach Köln überführt und hier auf dem Melatenfriedhof im Ehrengrab ihres ersten Mannes bestattet. Heute erinnert der Frieda-Fischer-Weg am Aachener Weiher, nahe des neuen Museums für Ostasiatische Kunst, an sie.
Quellen:
https://museum-fuer-ostasiatische-kunst.de/Geschichte
https://www1.wdr.de/radio/wdr3/programm/sendungen/wdr3-kulturfeature/frieda-fischer-museum-ostasiatische-kunst-100.html
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