Nur wenige Menschen leisteten aktiv Widerstand gegen den Terror der NS-Zeit. Widerstand war mit großen Risiken für das eigene Leben verbunden und auch MitwisserInnen in Familien und Bekanntenkreis waren von Repressionen und Verfolgung bedroht. Trotzdem leisteten auch in Braunsfeld vereinzelt Menschen Widerstand gegen das System, passiv und aktiv, sie informierten über das Vorgehen der NSDAP und widersetzten sich den Vorgaben.
An manche diese Personen wird heute erinnert, das Gedenken sollte jedoch nicht unsichtbar machen, wie viele Menschen das System gleichzeitig gestützt und unterstützt haben. Zu den Personen, an die in Braunsfeld im Zusammenhang mit dem Widerstand heute noch gedacht wird, zählen der Braunsfelder Pfarrer und spätere Bischof Josef Frings, der Arzt und spätere Leiter des Kölner Gesundheitsamtes Franz Vonessen, der die Mitwirkung an gesetzlich verordneten Zwangsterilisationen verweigerte, sowie der Braunsfelder Drogerist Louis Napoleon Gymnich. Um Gymnich, der für seine Aktivitäten ins Gefängnis und später ins Konzentrationslager gesperrt wurde, wird es im Folgenden gehen.

Lebensweg
Luois Napoleon Gymnich wurde 1903 in Opladen geboren. Er hatte einen Bruder und eine Schwester. Der Vater, Louis, machte sich später als Apotheker in Köln-Braunsfeld selbstständig, die Mutter, Gerda, schrieb unter anderem kleine Bühnenstücke und Kinderbücher. Louis Napolen besuchte das Realgymnasium am Sachsenring und nahm ab 1921 ein Studium auf. Er studierte in Köln, Leipzig und Gießen Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften und wurde 1927 zum Dr. phil. promoviert. Nach seinem Studium wurde er Kaufmann, er wechselte häufiger seine Anstellung und reiste viel. Zunächst arbeitete er zwischen 1928 und 1933 bei der Karstadt AG in Paris und Hamburg, bei Leonhard Tietz in Elberfeld und Ludwigshafen und für die Zwecksparkasse Phöbus in Berlin. Anfang der 1930er-Jahre führte er auch das Geschäft seines Vaters fort und betrieb darüber hinaus mehrere Drogerien in der Kölner Altstadt. Louis Gymnich lebte laut Greven Adressbuch 1938 in der Friedrich-Schmidt-Straße 50.
Die Familie Gymnich entfernte sich politisch nach dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution von liberalen oder konservativen Traditionen. Der Vater Louis trat 1921 der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands bei, sein Sohn war schon mit 15 Jahren als Sanitäts-Soldat des Kölner Arbeiter- und Soldatenrates aktiv. Bald nach Studienbeginn suchte er offenbar Kontakt zu links-radikalen Kreisen, 1923 trat Louis Napoleon der Roten Hilfe, 1925 der Kommunistischen Partei Deutschlands bei.
Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 kam die berufliche Existenz Gymnichs ins Wanken. Gymnich gab später an, dass er sich gegen den Nationalsozialismus betätigte undso ins Blickfeld der Gestapo geriet. Er verlor seine Anstellung bei der Phöbus AG und auch das Drogeriegeschäft der Familie hatte nun mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Gymnich wurde aus politischen Gründen 1933 festgenommen und in Berlin mehrere Monate in Untersuchungshaft gehalten. Nach der Freilassung kehrte er nach Köln zurück, wo er die Geschäftsleitung einer Drogerie seines Vaters übernahm. Die Drogerie befand sich in der Aachener Straße 244.
Louis Napoleon Gymnich war zu diesem Zeitpunkt bereits etliche Jahre mit Charlotte Meyer in einer engeren Beziehung, die er während seines Studiums kennengelernt hatte. Die in Krefeld geborene Charlotte Meyer erhielt ebenfalls eine gehobene Schulbildung, auch sie studierte mehrere Jahre – Germanistik, Deutsche Literatur, Theaterwissenschaft in Köln, Leipzig und Gießen – und erwarb ebenfalls den Doktortitel. Sie war gegen Ende der Weimarer Republik und in den 30er Jahren als Journalistin tätig.
Widerstand und Verhaftung in Köln
1930 machte Gymnich die Bekanntschaft mit dem gleichaltrigen Hermann Zilles. Sie vertiefte sich zur Freundschaft, nachdem Zilles Anfang 1935 von einer andert-halbjährigen Gefängnisstrafe zurückgekehrt war. Zilles fragte im Sommer 1935 Gymnich, ob dieser seine Räume zur Herstellung von illegalem Druckmaterial zur Verfügung stellen wolle und Gymnich willigte ein. Zusammen mit Zilles Bruder Peter druckten sie in der Folge mit Matrizen, Papier und zwei Abziehapparaten Flugschriften. Sie wendeten sich darin unter anderem an Schutzpolizisten und junge Dienstpflichtige im Wehrdienst und sprachen diese im kommunistischen Sinne an. Kurz nach der Produktion des letzten Flugblatts erfuhr Gymnich von seiner Mutter, dass die Gestapo auf ihn aufmerksam geworden war. Er ließ deshalb die Abziehapparate wegschaffen und verhielt sich eine Zeit lang ruhig. Einige Monate später stellte Gymnich jedoch erneut seine Drogerie der Partei als Materialanlaufstelle zur Verfügung.
Die Gestapo ermittelte ein knappes halbes Jahr später intensiv gegen die widerständigen Aktivitäten Louis Napoleon Gymnichs. Einer ihrer V-Männer berichtete im Mai 1936, dass er eine Anlaufstelle für Pakete der KPD unterhalte. Eine Woche später wurde eine erfolgreiche Kontaktaufnahme inszeniert, bei der ein Gestapo-Mitarbeiter oder ein Vertrauensmann sich am 21. Juni 1936 in der Drogerie als Gesandter der KPD ausgab und so von Gymnich als solcher empfangen wurde. Am Tag darauf erfolgte die Verhaftung Gymnichs.
Vier Tage später erließ das Amtsgericht Köln Haftbefehl. Gymnich wurde vom EL-DE-Haus in das Untersuchungsgefängnis Klingelpütz verlegt. Knapp einen Monat später kam es zu weiteren Vernehmungen. Über seine Behandlung in der Zwischenzeit ist kaum etwas bekannt, aber die Ungewissheit über seine Zukunft, die inzwischen bei der Gestapo vorliegenden Aussagen anderer Beteiligter und die Misshandlung und Folter durch die Polizeibeamten während der Verhöre brachten ihn wohl dazu, ein weitgehendes Geständnis abzulegen.
Wegen »Vorbereitung zum Hochverrat« erhob der zuständige Generalstaatsanwalt in Hamm am 19. Januar 1937 Anklage gegen Gymnich und 62 weitere Personen . Am 24. April wurde Gymnich im letzten großen Kölner Widerstandsprozess zu einer Zuchthausstrafe von acht Jahren verurteilt. Ihm wurden zehn Monate Untersuchungshaft angerechnet, da er geständig war.
Am Tag, an dem das Urteil gegen Gymnich verkündet wurde, stand Charlotte Meyer in Köln vor dem Schöffengericht. Sie war im Sommer 1936 ebenfalls festgenommen und verhört worden, da Louis Napoleon ihr illegale Schriften ausgehändigt hatte. Meyer, die ebenfalls von Viktor Achter anwaltlich vertreten wurde, sollte wegen Nichtanzeige einer politischen Straftat belangt werden. Sie bestritt jedoch die Vorwürfe und wurde vom Kölner Sondergericht freigesprochen. Während der fast neun Jahre, die Gymnich im NS-Regime in Haft war, blieb sie seine wichtigste private Bezugsperson und Unterstützerin jenseits der Anstaltsmauern.
Haft im Klingelpütz 1936/37
Nachdem Louis Napoleon Gymnich im Juni 1936 in den Klingelpütz eingeliefert worden war, unterstand er den Verhaltensregeln einer Justiz, die sich nach 1933 rasch auf die NS-Ideologie eingestellt und den Strafvollzug deutlich verschärft hatte. Die ersten drei Monate dort hatte er keinen Kontakt zur Außenwelt, weil die Gestapo eine Brief- und Besuchssperre beantragt hatte. Im Vergleich zum Untersuchungsgefängnis war die Unterbringung im Kölner Zentralgefängnis jedoch eine gewisse Erleichterung. Es gab Möglichkeiten zur Kontaktaufnahme nach Außen und Misshandlungen waren eher die Ausnahme. Trotzdem war die Isolation, ein langer Freiheitsentzug, die Unterordnung unter die Regeln und Rhythmen der Anstalt und die Verarbeitung der Erfahrungen bei der Gestapo eine immense seelische Belastung.
Um sich weiter geistig zu beschäftigen beantragte Gymnich etwa einen Monat nach der Einlieferung Tinte und Schreibpapier in der Zelle benutzen zu dürfen. Mitte August 1936 übernahm der Anwalt Viktor Achter die Verteidigung Gymnichs, Mitte September wurde die Besuchssperre aufgehoben. Über Achter konnten in der Folge Texte, die Gymnich in der Haft verfasste, nach draußen gelangen. Ab Oktober 1936 erhielt Louis Napoleon fast wöchentlich Briefe, und beinahe alle 14 Tage Besuch von seiner »Braut« Charlotte Meyer. Nachdem Gymnichs Anwalt Mitte Dezember 1936 das Mandat niedergelegt hatte, war sie die einzige regelmäßige Besucherin. Gemeinsam verfassten sie in dieser Zeit zwei Kriminalromane. Es erschienen unter Pseudonym 1936 das Buch „Filmstar verschwunden“ und 1937 „Der Kriminalfunk meldet“.
Haft in Siegburg und Verlegung nach Buchenwald
Am 24. April 1937 endete Louis Napoleon Gymnichs Untersuchungshaft im Klingelpütz. Wenige Tage später wurde er in die Strafanstalt Siegburg verlegt, wo er seine achtjährige Zuchthausstrafe absitzen sollte. Dort galten schärfere Bestimmungen für Besuche und Korrespondenz als im Klingelpütz, die Häftlinge wurden in die Häftlingsarbeit eingespannt und seit Kriegsbeginn verschlechterten sich Verpflegung und medizinische Versorgung. Es gab jedoch auch neue Möglichkeiten: Ab 1940 wurde Gymnichs Zellenhaft aufgehoben und er konnte sich freier in der Anstalt bewegen. Schließlich wurde er beim Arbeitseinsatz jenseits der Gefängnismauern eingesetzt und nutzte dies, indem er sich an Organisationsbemühungen und Hilfsaktionen der linken politischen Häftlinge beteiligte. Er hielt weiterhin deutliche Distanz zum NS-Regime und wurde deshalb im Juni 1943, ein Jahr vor dem berechneten Haftende, im Rahmen der »Thierack-Aktion« als »unverbesserlicher« Häftling aus dem Strafvollzug herausgenommen und in das Konzentrationslager Buchenwald abgeschoben. Dort fand Gymnich bald Anschluss an KPD-Gruppen, wodurch er vor der »Vernichtung durch Arbeit« bewahrt wurde. In den letzten Monaten des NS-Regimes wurde Gymnich durch die Häftlings-Selbstverwaltung als Blockältester des Sterbe- oder Seuchenblocks eingesetzt, wo die SS kranke Gefangene umbringen ließ, aber auch gefährdeten »Genossen« neue Identitäten verschafft und Überlebenschancen eröffnet werden konnten. Diese schwierige und konfliktreiche Tätigkeit hatte zur Folge, dass Gymnich wie andere Buchenwalder Funktionshäftlinge nach Kriegsende Vorwürfen von Mithäftlingen ausgesetzt war, 1945 vor einem Brüsseler Gericht aussagen musste, von der amerikanischen Besatzungsmacht verhört und 1947 als Zeuge zum Buchenwald War Crimes Trial geladen wurde.
Leben nach der Haft
Nach der Befreiung des Lagers im April 1945 kehrte Gymnich nach Köln zurück, wo er sich für eine antifaschistische Politik »im Geiste der Buchenwalder« einsetzte. In der neu gegründeten Kommunistischen Partei, in der Gymnich die Unterstützung seines Freundes und Buchenwald-Leidensgenossen Hermann Zilles, des ersten Sekretärs der Kölner KPD, genoss, absolvierte er eine Blitzkarriere. Im Januar 1946 wurde Gymnich Stadtverordneter und wenig später Feuilleton-Redakteur der kommunistischen Tageszeitung »Die Volksstimme«, für die er selbst zahlreiche Artikel verfasste. Am 28. März wurde er gar zum 2. stellvertretenden Bürgermeister gewählt und im Mai zum Nachfolger Zilles’ als Fraktionsvorsitzender der KPD in der Stadtverordnetenversammlung. Gymnichs Höhenflug brach jedoch in den nächsten Monaten ab. Nach dem Weggang des Freundes Zilles, der im Mai 1946 in die SBZ (Sowjetische Besatzungszone) übersiedelte, hatte er durch seine Eigenwilligkeit und gute Beziehungen zur britischen Besatzungsmacht einen zunehmend schweren Stand.
Bei den Wahlen im Oktober 1946 zur Stadtverordnetenversammlung kam die KPD nur noch auf zwei Mandate, von denen keines an Gymnich fiel. In der Folge verlegte sich nun darauf, seine politischen Ideen außerhalb der Partei zu realisieren. Im Mai 1947 war er Mitbegründer des »Progress-Clubs« und im September beteiligte er sich an einem fehlgeschlagenen Versuch, in Köln eine neue Linkspartei zu gründen. Parallel dazu wirkte er in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes daran mit, Zeugenaussagen gegen frühere Gestapobeamte zusammenzutragen.
Außerdem hatte er inzwischen eine Familie gegründet: Im August 1946 heiratete Gymnich Hannelore Müller, die er als Sekretärin der Hilfsstelle für politisch Verfolgte kennengelernt hatte, und bekam mit ihr zwei Kinder. Sein Verhältnis zur Kölner KPD war Mitte 1947 zerrüttet. Da er neben Zilles noch weitere Freunde und Buchenwald-Kameraden in einflussreichen Positionen der SBZ kannte, ging Gymnich Ende 1947 nach Ostdeutschland. Dort konnte er jedoch nicht richtig Fuß fassen und kam um die Jahreswende 1949/50 wieder zurück nach Westdeutschland. In Köln lebte die Familie zunächst vom Gehalt Hannelore Gymnichs, bis Louis Napoleon Mitte der 1950er-Jahre eine Anstellung bei der Wirtschaftsauskunftei »Der Händlerschutz« bekam. Er wurde Chefredakteur der gleichnamigen Halbmonatszeitschrift, für die er bis zum 70. Lebensjahr tätig blieb. Während er weiterhin Kontakt zu früheren Siegburger und Buchenwalder Mithäftlingen pflegte, hielt er Distanz zur Parteipolitik und auch seine schriftstellerischen Ambitionen verblassten. Am 12. April 1981 starb Louis Napoleon Gymnich in Köln.
Charlotte Meyer, die wenige Jahre danach verstarb, hatte bis zuletzt Verbindung zur Familie Gymnich. Während der NS-Zeit hielt sie engen Kontakt zu ihrem »Verlobten« Louis Napoleon bis zu dessen Verbringung nach Buchenwald. Sie besuchte ihn auf den Außenarbeitsstellen der Strafanstalt Siegburg, brachte Lebensmittel und Bücher mit und versorgte Mithäftlinge mit Informationen über ihre Angehörigen. Nachdem ihr Elternhaus in Krefeld 1943 ausgebombt war, ging sie nach Graal-Müritz an der Ostsee, wo sie eine Pension übernahm. Dort lernte sie Kurt Surmund kennen, den sie im Februar 1947 heiratete. 1953, nach Schwierigkeiten mit der Justiz im Osten zog Charlotte Surmund mit ihrem Mann zurück in den Westen. In den 1950er-Jahren zunächst in Köln wohnhaft, lebte das Ehepaar während der 1960er-Jahre erst in Rösrath, um dann nach Wilhelmshaven zu ziehen, wo Lotte Surmund von ihrem Erbteil ein Hotel pachtete. Schriftstellerisch war sie nun nicht mehr aktiv.
Quellen:
Die Abbildung sowie die meisten Informationen stammen aus dem Artikel von Thomas Roth und Ulrich Eumann.
Thomas Roth/ Ulrich Eumann: »In allem Kitsch ein Funken Wirklichkeit« ; Über zwei Kriminalromane aus dem Kontext des kommunistischen Widerstands im nationalsozialistischen Köln, in: Geschichte in Köln ; Bd. 60, Heft 1, S.87-122.
Franz Vonessen:
Josef Frings:
https://www.gdw-berlin.de/vertiefung/biografien/personenverzeichnis/biografie/view-bio/josef-frings/
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